Juni 03, 2005 6:48

Cosmology of Kyoto

Cosmology of KYOTO: Visual Mindscape Of Old Japan
So nennt sich ein PC-Spiel, genauer gesagt ein "Academic Adventure" - so bezeichnet es der Hersteller, das ich schon eine ganze Weile spielen wollte. Leider kam ich sogar ein paar Jahre nicht dazu, es mir von HOTU, wo ich es, als ich die Seite zum ersten Mal durchstöberte, in der "Hall of Belated Fame" entdeckte, zu besorgen. Im Nachhinein betrachtet ist das ziemlich traurig, denn mit diesem Spiel kann man wirklich lange seinen Spaß haben, Spaß im Sinne von "ein gutes Buch lesen", denn es spielt sich recht eigenartig, dazu gleich mehr, und wenn Ole und TMB nicht gewesen wären (Danke nochmal!), hätte ich es immer noch nicht gespielt. coskyoto
screen 01 Nun bin ich also dem Reiz erlegen, der mich eigentlich jedes Mal kitzelte, wenn ich HOTU besuchte. Vielleicht war für mich gerade jetzt der Auslöser, daß die dürftige Beschreibung des Spiels mir verhieß, mehr über die Geschichte und die Mythologie Japans erfahren zu können. Das bietet dieses Spiel tatsächlich zuhauf. Diese vielfältigen fantastischen Geschichten und der Geisterglaube sind es auch, die mich so sehr an Filmen aus Japan, die ich in der näheren Vergangenheit, die geneigte LeserIn wird es wissen, häufiger komsumiert habe, und der japanischen Kultur im Allgemeinen faszinieren. Ich würde gern erfahren, warum die Menschen in einer so technologisierten Gesellschaft wie der japanischen sich immer noch einen so Starken Glauben an Geister oder verstorbene Verwandte, die durch irgendeinen Wald oder Haus spuken, bewahrt haben.. Und auch ich, den man gelegentlich auch liebevoll Nihilismus-Nille (frei nach The Big Lebowski - "Die glauben ja an garnichts!") nennt, bin nicht frei davon: Ich halte mich streng an die Tradition, daß Rasmus, das alte Rübenschwein, nach dem Auslaufen auf einem Segelboot immer einen Schluck vom besten Schnaps an Bord zu bekommen hat, und weiß auch nicht, warum..
In Cosmology of KYOTO erlebt man viele dieser sagenhaften Geschichten, die sich oftmals auf historische Zeichnungen beziehen (an denen sich auch der Look stark orientiert), am eigenen Leibe und trifft auf allerlei verschiedene Geister und Dämonen. Man beginnt das Spiel als unbekannter Wanderer, der erst einmal nur die Kleidung und einige Münzen besitzt, die er zuvor auch noch einer gescheiterten (also toten) Existenz stehlen mußte, nachdem er in das mittelalterliche Kyoto, in seiner Blütezeit als damalige Hauptstadt, reiste. Es gibt keine Einführung oder so etwas wie ein Tutorial, man kommt einfach so an, weiß nicht, wer man ist oder zu welchem Zweck man kam. Man steht da und hat die Möglichkeit, die Stadt ganz frei zu erkunden.
Das Gameplay und die Handlung bestehen hauptsächlich daraus, sich seinen individuellen Weg durch die Stadt zu bahnen, sie zu erkunden und das Leben zu der Zeit, wie es im historischen Gedächtnis, also der überlieferten Vorstellung mit allen erwähnten Mythen, aussieht, zu erfahren. Die Interaktion mit seiner Umwelt beschränkt sich dabei auf ein Minimum: Man bewegt sich mit der Maus durch die einzelnen Straßenabschnitte, indem man auf den Bildschirmrand, der sein Blickfeld einschließt - adventure-untypisch wird das Spiel aus der Ego-Perspektive gespielt - klickt. Aktionen und Gespräche löst man durch einen Klick auf das entsprechende Objekt oder den Charakter aus, Dialoge beschränken sich meist auf simple Zustimmung oder Ablehnung.
Das Spielerlebnis hinterläßt bei mir den Eindruck von der Vorstellung eines interaktiven Buches (im positiven Sinne, für diejenigen die womöglich stutzen, weil sie den letzten Senf von mir zum Thema Games im Gedächtnis haben).. Man blättert sich eher durch das Spiel, als daß man selbst die Handlung bestimmt, man wählt nur die Richtung und hat die Möglichkeit, die einzelnen Abschnitte zu überspringen, zu wiederholen und zu selektieren, den Fortgang der einzelnen Szenen kann man meist nicht ändern. Und wie bei einem guten Buch wird man von den Geschichten eingesogen und kann sich durch die Kapitel treiben lassen, an einer Stelle verweilen und sich entspannen und dabei seine Phantasie speielen lassen. Ich hatte das Gefühl, den Bericht einer Reise zu lesen, auf der man sich selbst gerade befindet, mit unbekanntem Ziel, Länge und Ausgang.
Auf dieser Reise durch die Kosmologie von Kyoto, dieser "Visual Mindscape Of Old Japan", kann man einiges erleben. Das Spiel umfasst 900 Abschnitte, Häuser und Straßen, auf denen sich jeweils eine oder mehrere Geschichten abspielen oder von den Einwohnern erzählt werden. Dabei trifft man auf Bettler, Händler, mit denen man ins Geschäft kommen kann, Glücksspieler, bei denen man sein Geld loswerden kann, Kranke, Kinder, Alte, einfache Leute sowie Blaublüter, Mönche, die einem Buddhas Lehren vermitteln wollen, Diebe, Banker, und und und... Man sieht idyllische, ruhige Orte aber auch grauenhafte Szenen sich abspielen und geht auch dann und wann durch Himmel und Hölle und sieht verstörende dämonische Kreaturen und muß auch selbst damit rechnen, jederzeit in einen Hund verwandelt zu werden. coskyoto
screen 02 In meinen Augen ist dieses Spiel ein Kunstwerk, es wirkt auf mich wie ein Fleisch gewordenes historisches Gemälde. Aber das ist nur meine subjektive Einschätzung, das ist hier schließlich ein Blog und keine Wissenschaft.. Es wurde zwar schon viel zu viel Schwachsinn zum Thema Spiele und Kunst geschrieben, aber ich lasse die Backspace-Taste heute ausnahmsweise mal in Ruhe, da ich den Eindruck habe, daß dieses Spiel wirklich ein einzigartiges Werk ist, das eine ganz eigene Sprache und Ästhetik entwickelt hat (Wer das für Unsinn hält, darf es gern sofort wieder aus seinem Gedächtnis streichen). Auf der anderen Seite ist Coskyoto auch nicht nur pure Unterhaltung, das sagt auch schon die Bezeichnung als "Academic Adventure". Während vieler Abschnitte läßt sich ein erklärender Begleittext aufrufen, wodurch sich an der einen oder anderen Stelle auch klären läßt was Fakt und was Fiktion ist. Tatsächlich fühle ich mich auch ein wenig an diese Lern-CD-Roms erinnert, die man vielleicht aus der Unterstufe oder Grundschule kennt. Zum Schluß noch der Tip zum heutigen Tage: "Sie hat ihn einfach angelacht, am nächsten Morgen ist er nicht mehr aufgewacht." Obacht also!

Author: nille | Permalink | Category: games | Comments: (0)

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