January 15, 2011 7:08 PM

Paul Graham

So richtig passen die Fotografien von Paul Graham eigentlich nicht in die riesige Auststellungshalle im Haus der Photographie. Zumindest die älteren Werke des Briten wirken seltsam verloren unter der luftigen Dachkuppel der Hamburger Deichtorhallen. Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als würden die Fotos in ein Album mit Schnappschüssen aus dem letzten Sommerurlaub gehören, und nicht in eine Kunstausstellung.

Tatsächlich unterscheiden sich Grahams Fotos nur durch anfangs kaum erkennbare Details von Bildern einer Erholungsreise auf die Britischen Inseln. Allein der stecknadelkopfgroße Union Jack, der an die Spitze eines Baumes geknüpft wurde, die gelblich verblichenen Wahlplakate und – in weiter Ferne – eine kaum besuchte Parade von Unionisten geben Aufschluss darüber, dass es sich hier um eine Dokumentation des Nordirland-Konfliktes handelt. Hat man diese winzigen Details jedoch erst einmal erkannt, entfalten sie eine um so größere Wirkung und sorgen beim Betrachten ansonsten sehr idyllischer Fotos für Unbehagen.

Ähnlich verhält es sich bei der „A1 – The Great North Road“ genannten Serie. Auch diese Bilder sind nicht in einem dem Raum angemessenen Format ausgestellt worden und es könnte sich hier eben so um den Inhalt eines langweiligen Dia-Abends von Verwandten handeln. Aber auch hier vermisst man die Unbeschwertheit privater Fotos: Die Aufnahmen aus der Umgebung rund um die lange Nord-Süd-Verbindung zwischen London und Edinburgh verströmen eindeutig eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit und den ultra-konservativen Mief der Thatcher-Ära. Wie auch in der Serie „Beyond Caring“, blickt man hier auf die Leidtragenden des Niedergangs der Britischen Industrie und Wirtschaft zu Beginn der Achtziger Jahre. Arbeitslose, Trucker und Serviererinnen, versammelt in heruntergekommenen Raststätten, die Vertreter der ‚Working Class‘ sind hier unter sich.

Sowohl Themen, als auch den Stil seiner frühen Aufnahmen greift Paul Graham fast zwei Jahrzehnte später wieder auf, wenn er in „American Night“ den Niedergang der ehemaligen US-amerikanischen Industriezentren portraitiert. Darin gehen die Ärmsten der Armen, der bodensatz der Gesellschaft, buchstäblich in einem Meer der ‚Zivilisation‘ unter. Während die Personen – es sich fast ausschließlich Menschen mit dunkler Hautfarbe – allein auf weiter Flur stehen, gehen oder trinken, schieben sich an ihnen Kolonnen überdimensionierter SUVs und Limosinen vorbei. Graham verschleiert das eigentliche Hauptmotiv, die vermutlich meist obdachlosen Personen, obgleich sie stets in der Bildmitte zu finden sind, noch weiter indem er die Szene hinter einem weißen Vorhang versteckt. Es wirkt, als betrachte man das Geschehen durch eine milchig getönte Glasscheibe, durch starken Nebel oder durch Smog. Unterbrochen wird diese Bilderserie immer wieder von Aufnahmen spiessiger Einfamilienhäuser, vor denen glänzende, polierte Fahrzeuge stehen. Auf diesen Fotos ist der Himmel stets strahlend blau und wolkenlos und auch die übrigen Farben wirken übersättigt.

Sehr stark gesättigt sind auch die Farben auf den allesamt dunkel gehaltenen Fotos verarmter US-Großstadt-Einwohner. Diese Personen läßt der Künstler auf eine andere Art und Weise im Verborgenen – Eine Frau steht versteckt im Schatten eines Vordachs, ein Rollstuhlfahrer fährt im grauen Parka über grauen Asphalt, ein anderer hebt sich kaum vom schmutzigen Hintergrund einer plakatierten Hauswand ab. Auffällig ist auch, dass mehrere Personen Pflaster über einem Auge tragen.

Um Menschen drehen sich auch die Serien „New Europe“, „Television Portraits“ und „End of an Age“. Diese neueren Aufnahmen Grahams sind deutlich weniger subtil als die früheren Werke, wie beispielsweise die Bilder zerrissener grauer Wolken aus „Ceasefire“, die während des Waffenstillstands der IRA 1994 entstanden sind. In „New Europe“ sind, wenngleich vergangene, gewaltsam ausgetragene Konflikte auch ein Thema. Es werden die Altlasten und neue Probleme eines sich wandelnden Europas unverhohlen dargestellt: Man sieht Spuckflecken auf dem Grabstein Francisco Francos, bierseelige Deutsche, in Tracht unter Eichenlaub, Personen allein vor dem Fernseher sitzend (davon handeln auch die „Television Portraits“), und solche, die sich gerade einen Schuss setzen, Stacheldraht und Nazi-Schmierereien an einer Brücke.

Bei allen stilistischen, geographischen und thematischen Unterschieden ziehen sich doch zwei besondere Merkmale durch Grahams Arbeiten: Erstens sieht man auf seinen Fotos selten oder nie zufrieden lächelnde, ohne Zweifel glückliche Menschen – Selbst die Twentysomethings aus „End of an Age“, abgelichtet auf Parties, in Bars oder beim Feiern in Privatwohnungen, drücken nicht allein jugendliche Unbeschwertheit, momentanes Glück und Feier-Laune aus, es scheint ihnen oft der Zweifel und die Angst um die Zukunft ins Gesicht geschrieben zu sein. Hier kommt jedoch eine andere Besonderheit von Grahams Bildern zum Tragen: Sie spiegeln fast immer die Probleme der Zeit wider, in der sie entstanden sind. „End of an Age“ zum Beispiel ist klar geprägt von der Stimmung der No-Future Generation X, mit ihren Holzfällerhemden aus Flanell und den in allen Farben des Regenbogens gefärbten Haaren, die jeder, der sich irgendwie dazu zählt, sofort wieder erkennt.

Ansehen kann man die meisten der Fotos hier.


Author: nille | Permalink | Category: kommentar, thoughts | Comments: (1)
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helena
February 14, 2011 4:02 PM
Schoener Artikel. Mir gefallen der Anfang, genauer gesagt die ersten beiden Absätze und das Ende am besten. Ausserdem ist es interessant, wie unterschiedlich man eine Ausstellung wahrnimmt. Mir sind von dieser insbesondere 'beyond caring', 'end of an age' und die 'television portraits' in Erinnerung geblieben. Umso spannender ist es mit deinem Artikel an die anderen Teile erinnert zu werden und Teile der Bilder unter dem Link nocheinmal nachzuschlagen.

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